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Täglicher Blick ins Feuer

Published by in German / Deutsch ·

Detlef Hildebrandt zieht an seiner Zigarette. Es fiept. Er drückt die Zigarette aus, hetzt durch die gekachelte Halle. Vor zwei großen beige-farbenen Schaltschränken bleibt er stehen und schaut auf einem Monitor. Die Temperaturanzeigen der HBK, ABK, NBK - Hauptbrennkammer, Ausbrennkammer, Nachbrennkammer - normale Werte. Ofenunterdruck, Rauchgasdichte, alles im grünen Bereich. Detlef Hildebrandt klickt gezielt auf ein Feld. Ruhe. "Montags brauchen die Öfen immer etwas länger, um sich zu erhitzen", sagt er und guckt prüfend auf den Bildschirm. In seinem grauen Overall und den klobigen Arbeitsschuhen sieht der rund 1,70 Meter große Mann aus wie ein Monteur. Technische Belange sind in seinem Job nicht unwesentlich. Doch ist der 55-Jährige nicht nur technischer Leiter des Krematoriums Greifswald, sondern auch Feuerbestatter. Ein Job, über den kaum jemand mehr erfahren möchte.

Zwischen 2200 und 2500 Verstorbene verbrennen Hildebrandt und seine zwei männlichen Kollegen pro Jahr. 258,57 Euro inklusive Mehrwertsteuer kostet die reine Einäscherung. Einlagerung, Urne und bürokratischer Aufwand sind im Preis enthalten. Hinzu kommen 25 Euro für die zweite Leichenschau durch die Amtsärztin oder Gerichtsmedizinerin. "Die ist Pflicht, damit die genaue Todesursache geklärt ist, bevor der Körper verbrannt wird", sagt er.

Es ist neun Uhr morgens. Die ersten zwei Särge brennen seit gut einer Stunde in den Öfen bei rund 700 Grad Celsius. "Die richtige Temperatur ist wichtig, weil die Körper sonst nur verkohlen und nicht verbrennen", sagt Detlef Hildebrandt. Anhand von Kontroll-Luken hinter den Öfen kann er prüfen, ob die Verbrennung in der dreietagigen Anlage ordnungsgemäß verläuft. Falls nicht, muss er nachheizen, sagt er und drückt einen metallenen Hebel nach oben. Wie ein Bullauge öffnet sich das kleine runde Fenster und bietet einen direkten Blick in die Hauptbrennkammer. Nichts als lodernde Flammen und metallene Drehplatten. Die ersten beiden Särge sind bereits verbrannt. Ihre Reste sind in die zweite Etage der Ofenanlage, die Ausbrennkammer, hinunter gesackt, wo sie weitere 90 Minuten bleiben. Derweil können oben zwei weitere Tote nachgeschoben werden. Nach etwa drei Stunden landen Asche und Knochenreste zum Abkühlen im Aschekasten. Grobe Teile muss Detlef Hildebrandt mit einer Maschine mahlen, bevor er alles in eine Urne füllen kann. as Aufwendigste sei das Nachbrennen. Dann müssen ie Abgase noch einmal bei 850 Grad Celsius erhitzt werden, um Schadstoffe zu vernichten. Nur so seien der Geruch und übermäßige Staubablagerungen zu bewältigen.

"Toll ist der Job nicht", gbt Hildebrandtzu. "Von Unfallopfer bis Frühgeburten, wir sehen hier alle Varianten wie das Leben endet." Vor allem starken Verwesungsgeruch und den Anblick besonders verunstalteter Leichen zu ertragen, sei nichts, was man erlernen könne

"Zu sagen, man hat sich daran gewöhnt, ist Quatsch.

Mn baut sich einen Schutzwall auf, um gewisse Sachen nicht so an sich ranzulassen", sagt Detlef Hildebrandt auf dem Weg zur Leichenhalle. Schlichte Särge aus unterschiedlichen Holzarten stehen dort

aufgereiht

in den metallenen Regalen. "Wenn ich mal richtig gut drauf bin, komme ich rein und sage 'Guten Morgen', obwohl ich weiß, dass niemand antworten wird", sagt Detlef Hildebrandt trocken und lächelt. "Schlimmer wäredoch, wenn mir jedes Mal hundeübel werden würde" fügt er fast entschuldigend hinzu. Doch beim Anblick des ganz kleinen weißen Sarges in der untersten Reihe verstummt das Gespräch für einen Moment. "Das sind sie, die Fälle, die unter die Haut gehen", sagt Hildebrandt nüchtern und schiebt die Tür wieder ein Stückchen zu."Unter unsKollegen bereden wir nicht ie Todesfälle. Aber die eine oder andere Geschichte nimmt einen manchmal infach mit." Den jungen Raserzum Beispiel, der vor der Brennanlage aufgebahrt ist, hätte er lieber erst als alten Mann in den Ofen schieben wollen. Mit Kreide sind dessen Gewicht und das Datum der Beisetzung auf dem Sarg vermerkt. Außerdem ein Zettel mit seinem Namen. "Deutsche Gründlichkeit. Damit nichts durcheinander kommt", betont Hildebrandt.

Dass Routine Emotionen nicht unterdrücken kann, habe jeder der Mitarbeiter bereits uf seine Weise erfahren. "Keiner sagt offen: 'Das kann ich nicht'", weiß Detlef Hildebrandt. "Wenn's nicht mehr geht, wehrt sich die Psyche über den Körper." Ein Bestatterazubi habe aufgrund von anhaltenden Albträumen seine Lehre abbrechen müssen. Auch etlef Hildebrandt hat seine Grenzen im vergangenen Jahr zu spüren bekommen, als seine Schwiegereltern am Krematorium angeliefert wurden. eide verstarben im Abstand eines halben Jahres. "Als Kind der DDR bin ich so erzogen worden, dass man gewisse Dinge einfach macht und gut." Diese Einstellung hat er von seinem Vater übernommen, einem Berufssoldaten. Der eigenen Familie bis zum Schuss die letzte Ehre erweisen - so auch mit der Verbrennung - für Hildebrandt selbstverständlich. "Bei meinem Schwiegervater habe ich noch gedacht, das bin ich ihm schuldig", sagt er und senkt den Kopf. Mit Panikattacken und Schweißausbrüchen rächte sich sein Körper an diesem Pflichtbewusstsein. Detlef Hildebrandt zog die Notbremse. "Bei meiner Schwiegermutter hab' ich dann zu meinem Kollegen gesagt: 'Mach du!'." Mittlerweile habe er die Sache verkraftet. Andere "menschliche Regungen", die ihn uf Arbeit ergreifen würden, lasse er spätestens mit Zuziehen der Wohnungstür hinter sich. Ausgedehnte Spaziergänge mit seinm Hund Atze, die Gesellschaft seiner Töchter oder Basteleien am Hausbringenihn dann uf andere Gedanken.

Dennoch ist Detlef Hildebrandt von der Feuerbestattung überzeugt, ie er bei einer Zigarette im Aufenthaltsraumsagt."Die Unkenntnis über den Ablauf einer Einäscherung ist och sehr groß." Manche Vorstellung würde weit mit der Realität auseinander klaffen, sagt er und ascht vorsichtig ab. Die Annahme etwa, dass mehrere Menschen gleichzeitig im Ofen verbrannt würden - laut Hildebrandt nicht nur pietätlos, sondern auch technisch nicht machbar.

"Ich vermute,die meisten verbinden as noch mit den Massenverbrennungen aus der NS-Zeit."

Von der falschen Vorstellung,der Ofen sei ie ein großer Trichter geformt, in den immer nachgeschoben werde habe er auch chon gehört.

"Wir leben in einer solch medial aufgeklärten Zeit. Trotzdem ist das Thema Einäscherung mmer och ein Tabu", sagtDetlef Hildebrandt. Dabei sei es mittlerweile seit Jahrzehnten eine gängige Form der Bestattung. Die zunehmenden Zahlen der Verbrennunggen im Vergleich zu Erdbestattungen würden dies bestätigen, wenngleich die Gründe dafür eher finanzieller denn ästhetischer Natur seien. "Seit die Krankenkassen 2004 das Sterbegeld abgeschafft haben, wählen immer mehr Menschen die Einäscherung als günstige Alternative." Geld und Tod seien seit jeher zwei sich magisch anziehende Komponenten. "Es gibt sogar Kaffeefahrten ins Krematorium aber davon halte ich nichts, sagt Hildebrandt und schüttelt den Kopf. Videoitschnitte für die Angehörigen, wie es manch private Krematorien anböten, seien für ihn ebenfalls eine unpassende Art, die Verbrennung eines Verstorbenen zu normalisieren.

Die Friedhofspflicht in Deutschland indes, die es verbietet, Urnen zu Hause aufzubewahren, könne us seiner Sicht gelockert werden. In manchen Ländern kauft man eine Grabstätte und hat trotzdem das Recht, die Urne mitzunehmen. Es steht einem aber frei, sie jederzeit zur Grabstelle zurückzubringen", sagt Hildebrandt. Für ihn eine gute Alternative, sagt er und begibt sich wieder zu dem Monitor.

Das Krematorium Greifswald wurde am 26. Oktober 1913 eingeweiht und ist das älteste in Pommern. Sein Bau ging einher mit dem 1911 in Preußen verabschiedeten Gesetz über die Zulassung von Feuerbestattungen. Gestiftet hat es Emma Henriette Pras, geb.

Ueckermann (1847-1927). Ihr Grabstein steht hinter dem Krematorium. 1932 wurde die 1000. Feuerbestattung registriert. Mit dem Anbau der neuen Feierhalle1983/84 erfuhr der Bau eine große funktionelle Umwandlung. Die Verbrennungen erfolgen seitdem im einstigen Aussegnungssaal. Die Fläche des kommunalen Friedhofs bietet Platz für 11000 Urnengräber.

Quelle: Nordkurier




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