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Japan: So viele Tote, dass neue Beerdigungsregeln gelten

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Die Bergungstrupps kämpfen sich durch das Tsunamigebiet. Und finden so viele Leichen, dass die Regierung die Beerdigungsvorschriften ändern musste.

Mit Kettensägen und Spitzhacken arbeiteten sich Bergungstrupps an der verwüsteten Nordostküste Japans am Montag durch die Trümmer, um Tote zu bergen. Leichensäcke und Särge wurden knapp; die Entdeckung von rund 1000 angeschwemmten Leichen entlang der Küste brachte auch die Krematorien im Katastrophengebiet an ihre Grenzen. Millionen Überlebende hatten derweil die dritte Nacht in Folge bei Temperaturen nahe am Gefrierpunkt ohne Heizung, ohne Wasser und Nahrung hinter sich.

Die doppelte Katastrophe aus Erdbeben und Tsunami am Freitag hat viele Japaner in eine Notlage gestürzt, wie sie die Wirtschaftsnation seit Kriegsende nicht erlebt hat. „Die Menschen leben von ein bisschen Nahrung und Wasser. Es kommt einfach nichts an“, sagte Hajime Sato, ein Verwaltungsbeamter aus der mit am schlimmsten betroffenen Präfektur Iwate. Die Behörden erhielten nur ein Zehntel der benötigten Lebensmittel und anderen Versorgungsgüter.

Selbst Leichensäcke und Särge würden so knapp, dass die Behörden sich womöglich an das Ausland um Hilfe wenden müssten. „Wir haben Beerdigungsunternehmen im ganzen Land gebeten, uns viele Leichensäcke und Särge zu schicken. Aber wir haben einfach nicht genug“, erklärte Sato. „Wir haben schlicht nicht erwartet, dass so etwas passiert. Das überwältigt einen einfach.“

An den Stränden der Präfektur Miyagi wurden nach Polizeiangaben rund 1000 Leichen angespült. Damit erhöht sich die feststehende Zahl von Todesopfern auf 2.800, doch tatsächlich dürfte sie viel höher sein. Allein in Miyagi mit 2,3 Millionen Einwohnern rechnet der Polizeichef mit über 10.000 Toten.
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In Soma in der Nachbarprovinz Fukushima konnte das Krematorium den Andrang nicht mehr bewältigen. „Wir haben schon mit den Einäscherungen begonnen, aber wir schaffen nur 18 Tote am Tag. Wir sind überfordert und bitten andere Orte, uns mit den Leichen zu helfen. Wir haben nur ein Krematorium am Ort“, sagte Katsuhiko Abe von der Stadtverwaltung.

In Japan werden Verstorbene meist verbrannt; das bedarf wie bei einer Beerdigung einer amtlichen Genehmigung. Die Regierung hob diese Vorschrift am Montag aber auf, um die Beisetzung der Opfer zu beschleunigen. „Die derzeitige Lage ist so außergewöhnlich, und sehr wahrscheinlich stoßen die Krematorien an ihre Grenzen“, sagte ein Vertreter des Gesundheitsministeriums. „Das ist eine Notmaßnahme. Wir wollen den vom Erdbeben betroffenen Menschen helfen, so gut wir können.“

Erstmals seit der Katastrophe trafen in Soma Suchtrupps ein, um Leichen zu bergen. Auf einem von Trümmern freigeräumten Platz warteten Leichensäcke und Krankenwagen. Mit Sägen und Äxten arbeiteten sich Feuerwehrleute durch ein unbeschreibliches Gewirr aus Holzbalken, Plastikplanen, Dachteilen, Schlamm, Autowracks, verknäulten Kabeln und Haushaltsgegenständen. Hubschrauber erkundeten aus der Luft die endlose Szene der Verwüstung. Noch einen Kilometer landeinwärts lagen fortgeschleuderte Boote neben der Straße. Nach Behördenangaben wurde die 38.000 Einwohner zählende Stadt zu einem Drittel überflutet; tausende Menschen würden vermisst.

Sprit nur für Einsatzfahrzeuge

„Ich gebe die Hoffnung auf“, stöhnte der Bauarbeiter Hajime Watanabe. Er stand ganz vorne in der Schlange an einer geschlossenen Tankstelle in Sendai, rund 100 Kilometer nördlich von Soma. Da kam jemand von den Rettungskräften herüber und brachte ihm bei, dass - sollte die Tankstelle überhaupt öffnen – Sprit nur an Einsatz- und Behördenfahrzeuge abgegeben werde. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass wir mal in so eine Lage kommen“, sagte Watanabe. „Vorher hatte ich ein gutes Leben. Jetzt haben wir gar nichts: kein Gas, keinen Strom, kein Wasser.“ Immerhin kann seine Familie noch auf 60 Halbliterflaschen Wasser zurückgreifen, die seine Frau für Notfälle wie diesen gebunkert hatte. Zwei Stunden lang lief er durch die Gegend, bis er einen offenen Laden fand, und stand nach Instantnudeln Schlange.

Mindestens 1,4 Millionen Haushalte sind von der Wasserversorgung abgeschnitten, 1,9 Millionen ohne Strom. Dem Fernsehsender NHK zufolge haben 310.000 Menschen in Notunterkünften oder bei Verwandten Zuflucht gefunden, 24.000 sind irgendwo gestrandet. Die Regierung hat 100.000 Soldaten zum Hilfseinsatz beordert und 120.000 Decken, 120.000 Flaschen Wasser und 110.000 Liter Benzin sowie Lebensmittel ins Katastrophengebiet geschickt. Es kann allerdings noch Tage dauern, bis es wieder Elektrizität gibt. Ein Grund für den Stromausfall ist der Schaden am Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi – wo sich vielleicht gerade die nächste Katastrophe zusammenbraut.  




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